1. Allgemein zum Deutschen Lernatlas

Der Deutsche Lernatlas 2011 ist ein Index, der erstmals die Bedingungen für lebenslanges Lernen in allen 412 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten sowie den Bundesländern sichtbar und vergleichbar macht. Mittels interaktiver Online-Karten, detaillierter Lernprofile und verschiedener Diagramme bildet er ab, wie gut die Entwicklungsbedingungen sind, die die Bürger in allen Lebensphasen und -bereichen in ihrer Region vorfinden. Der Deutsche Lernatlas spiegelt damit auch die Voraussetzungen der Region, zukünftig wirtschaftlich und sozial erfolgreich zu sein.

Die Lern(um)welt, in der sich jeder Mensch bewegt, wird im Index in vier Lerndimensionen unterteilt: Schulisches Lernen, Berufliches Lernen, Soziales Lernen und Persönliches Lernen. Zusammengefasst werden sie in dem Lernatlas-Gesamtindex. In jeder der vier Lerndimensionen fließen 8 bis 10 Kennzahlen zusammen, die mit den Ursachen und Auswirkungen von Lernprozessen in diesem Bereich in Verbindung gebracht werden können. Die zu allen Kennziffern verfügbaren Metadaten machen die Angaben in besonderem Maße transparent und nachvollziehbar. Für den Deutschen Lernatlas können allerdings nur solche Kennzahlen genutzt werden, die bundesweit für nahezu alle Regionen verfügbar sind.

Diese begrenzte Datenverfügbarkeit macht den Deutschen Lernatlas zu einem Instrument, das kontinuierlich mit neuen und verlässlichen Datensätzen weiterentwickelt werden sollte.

Sämtliche Informationsangebote auf der Website www.deutscher-lernatlas.de sind unentgeltlich nutzbar und alle Lernatlas-Daten frei zugänglich.

2. Die vier Dimensionen des Lernens

Schulisches Lernen

Wie lernen Menschen in den Bildungsinstitutionen? Die Lerndimension Schulisches Lernen gibt Hinweise auf die Lernentwicklung von Kindern und Jugendlichen in Schulen, das Studienplatzangebot und das Bildungsniveau von jungen Menschen und Erwerbstätigen in der ausgewählten Region.

Berufliches Lernen

Wie lernen Menschen für und in ihrem Beruf? Die Lerndimension Berufliches Lernen gibt Hinweise auf die Chancen von Jugendlichen, eine qualifizierende Ausbildung abzuschließen, sowie auf den Stellenwert der beruflichen Weiterbildung und des Lernens am Arbeitsplatz in der ausgewählten Region.

Soziales Lernen

Wie lernen Menschen im und für das soziale Miteinander? Die Lerndimension Soziales Lernen gibt Hinweise darauf, in welcher Form und in welchem Ausmaß die Menschen in einer Region Möglichkeiten zum sozialen Lernen wahrnehmen. Dieser vielseitige Aspekt des lebenslangen Lernens wird durch Kennzahlen zum sozialen Engagement, zur politischen Teilhabe und zum Stellenwert der sozialen Integration von Jugendlichen abgebildet.

Persönliches Lernen

Wie lernen Menschen, um sich persönlich weiterzuentwickeln? Die Lerndimension Persönliches Lernen gibt Hinweise darauf, welche Lernmöglichkeiten die Menschen in einer Region zur persönlichen Entwicklung und Entfaltung vorfinden und nutzen – in Form von Kursen zur persönlichen Weiterbildung, beim Sport, im kulturellen und durch selbstgesteuertes Lernen mit Medien.

3. Methodik des Deutschen Lernatlas

Wie wurde der Index konzipiert?

Um Lernen möglichst ganzheitlich zu erfassen und abzubilden, greift der Deutsche Lernatlas auf ein inhaltliches Konzept zurück, das in dieser Form erstmals in Kanada entwickelt wurde. Mit dem Composite Learning Index (CLI) misst der Canadian Council of Learning seit 2006 erfolgreich die Lernentwicklung in über 4000 kanadischen Kommunen. Wie der kanadische CLI ist auch der Deutsche Lernatlas ein summarischer Index, der Kennzahlen zu vier Teilindizes und einem Gesamtindex kombiniert. Die vier Teilindizes basieren dabei auf den vier Lerndimensionen, welche von der internationalen UNESCO-Kommission „Bildung für das 21. Jahrhundert“ unter Leitung von Jacques Delors entwickelt wurden.

Wie wurden Indikatoren und Kennzahlen ausgewählt?

Die Auswahl von geeigneten Lern- und Bildungsvariablen für einen summarischen Index ist eine besondere Herausforderung, da es vor allem auf kommunaler Ebene kaum Kennzahlen gibt, die den direkten Effekt von Lernleistungen in Form von tatsächlich erworbenen Kompetenzen (wie z.B. bei PISA) messen. Deshalb muss häufig auf vergleichbare „indirekte“ Kennzahlen zurückgegriffen werden. Diese beziehen sich dann entweder auf das Angebot oder die Verfügbarkeit von Lernmöglichkeiten (Infrastruktur), auf die Teilnahme an diesen Lernprozessen oder auf Verhaltensweisen, Einstellungen und Überzeugungen, die unmittelbar mit diesen Lernprozessen in Verbindung gebracht werden können.

Der Kennzahlenauswahlprozess verläuft in mehreren Stufen:

Für den Deutschen Lernatlas wurden aus einem Fundus von über 300 denkbaren lern- und bildungsrelevanten Kennzahlen in mehreren Prüfschritten 8 bis 10 Kennzahlen pro Lerndimension herausgefiltert. Dazu wurde zunächst überprüft, inwieweit sich die Kennzahlen grundsätzlich in das Konzept einer Lerndimension einordnen lassen.

Passende Kennzahlen wurden dann auf statistische Validität (Verteilung, Schiefheit, Abdeckung) hin überprüft. Diejenigen Kennzahlen, die alle Kriterien erfüllten, wurden anschließend durch Experten bewertet und auf Gemeinsamkeiten mit anderen Kennzahlen der betreffenden Lerndimension hin überprüft. Hierbei wurde über eine Faktorenanalyse ermittelt, inwieweit die Kennzahl stellvertretend für einen oder mehrere Faktoren steht, die das Lernen in der jeweiligen Lerndimension beeinflussen. Dieses Vorgehen hat einerseits zum Ziel, Redundanzen zu vermeiden, und andererseits, die Passgenauigkeit der Kennzahl für die Lerndimension abzusichern. Beispielsweise ließe sich die Kennzahl „Schüler ohne Hauptschulabschluss“ sowohl in die Dimension Schulisches Lernen als auch in Berufliches Lernen einordnen, da sie sowohl etwas über den Schulerfolg als auch über die Wahrscheinlichkeit, eine Berufsausbildung aufzunehmen und abzuschließen, aussagt. Da die Faktorenanalyse aber einen größeren Zusammenhang zur Dimension „Schulisches Lernen“ aufzeigte, wurde sie diesem Bereich zugeordnet.

Gleichzeitig wurde kontrolliert, inwieweit diese Kennzahlen auch einen signifikanten Einfluss auf die wirtschaftliche und soziale Lage und somit auch auf das Human- und Sozialkapital über alle Regionen in Deutschland aufweisen (multiple lineare Regression). Dafür wurde ein eigenständiger Human- und Sozialkapitalfaktor aus insgesamt 19 Kennzahlen zu verschiedenen sozialen und ökonomischen Aspekten wie Einkommen, Produktivität, Beschäftigung, Gesundheit und sozialer Zusammenhalt ermittelt. Der Lernatlas zeigt demnach auf, wie schulisches, berufliches, soziales und persönliches Lernen zum gesellschaftlichen Wohlergehen beitragen.

Wie wurden Indikatoren und Kennzahlen zusammengeführt und gewichtet?

Da der Zusammenhang der einzelnen Kennzahlen mit dem Human- und Sozialkapital in den Regionen unterschiedlich stark ist, werden die Kennzahlen auf ihre Erklärungskraft hin überprüft und entsprechend gewichtet.

Diese Gewichtung wird quasi „rückwärts“ ermittelt. Die entscheidende Frage ist: Welchen statistisch messbaren Einfluss hat jede Kennzahl auf das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen? Für jede Region werden in diesem Verfahren die vier Teilindizes des Lernatlas berechnet. Aufgrund der unterschiedlichen Gegebenheiten in Ost- und Westdeutschland wird dabei außerdem geprüft, ob die berechneten Gewichte zum einen plausibel sind und zum anderen in den alten und neuen Bundesländern unter Berücksichtigung von Zufallsfehlern gleichgerichtet sind.

Die Summe der Gewichtung der einzelnen Kennzahlen innerhalb einer Lerndimension bestimmt dann das Gewicht dieser Dimension gegenüber den anderen drei Dimensionen im Lernatlas-Gesamtindex. Das heißt, je besser die Kennzahlen einer Lerndimension das bestehende Human- und Sozialkapital erklären können, umso stärker ist der Einfluss der Dimension bei der Bildung des Gesamtindex.

Mit dieser in Kanada erstmals entwickelten Berechnungs- und Gewichtungsmethode weicht der Deutsche Lernatlas bewusst von eher konventionellen Gewichtungsverfahren wie der Gleichgewichtung oder der subjektiven Gewichtung durch Experten ab. Während die Gleichgewichtung gerade von indirekten Kennzahlen zum non-formalen und informellen Lernen schnell zu einer hohen Fehleranfälligkeit führt, neigt eine subjektive (politische) Experteneinschätzung zu ungewollten Ergebnisverzerrungen, da die tatsächliche Bedeutung einzelner Kennzahlen leicht überschätzt wird. Letzteres tritt insbesondere dann auf, wenn die Bedeutung der Kennzahlen (mit dahinterstehenden konzeptionellen Indikatoren mit relevanten Lernaspekten) gleichgesetzt wird.

Aus diesem Grunde greift der Deutsche Lernatlas, um Kennzahlen nach klaren Kriterien zu gewichten, auf ein erprobtes statistisches Verfahren zurück, welches reproduzierbar und transparent ist.

Zusammenfassend lässt sich die Indexberechnung beschreiben als eine statistisch-basierte Auswahl an relevanten und nicht-redundanten Kennzahlen, die, gewichtet nach ihrem Einfluss auf den Human- und Sozialkapitalfaktor, in einem Index zusammengefasst sind.